Andacht für Belarus am 19.08.2021 in der Gethsemanekirche in Berlin

von Ina Rumiantseva, Verein Razam e.V.

Heute vor 30 Jahren versuchte ein Kreis alter Hardliner das Rad der Zeit zurückzudrehen - in Moskau kam es zum sogenannten Augustputsch. Drei Tage lang herrschte der Ausnahmezustand, Panzer standen im Zentrum von Moskau, Gorbatschow war auf der Krim festgesetzt worden. Aber es ging unblutig aus. Der Plan der Putschisten, eine „Sowjetunion 2.0" auszurufen, scheiterte, und wenig später passierte genau das, was der Staatsstreich eigentlich verhindern sollte: Die Sowjetunion brach auseinander.

In Belarus aber zog mit Lukaschenko 1994 tatsächlich eine schlechte Kopie der Sowjetunion ein. Und blieb über ein Vierteljahrhundert. Vor einem Jahr verstand die Bevölkerung, dass es mit Lukaschenko keine Zukunft mehr geben würde.

Lukaschenko „schaffte“ es zwar, die Proteste von den Straßen verschwinden zu lassen - aber zu welch unermesslichem Preis. Nicht nur die Tausenden zerstörten menschlichen Schicksale, auch außenpolitisch hat er nur verbrannte Erde hinterlassen. Wie sehr, zeigt ein eindrücklicher Vergleich: der Westen überlegt tatsächlich, mit den Taliban in Afghanistan zu verhandeln. Das ist heute unvorstellbar, wenn man auf das Regime in Minsk blickt. Die Taliban stehen paradoxerweise besser da als Lukaschenko...

Das macht die Lage für die Menschen in Belarus aber nicht einfacher - im Gegenteil, es besteht die Gefahr, dass die Welt nicht mehr so genau hinschaut. Dabei geht das Regime mit unverminderter Härte weiter gegen alle Schichten der Gesellschaft vor. Diese Woche waren unter anderem auch die Sportler dran: ihnen wurde gestern per SMS vom Sportministerium verboten, an Wettkämpfen im Ausland teilzunehmen, selbst, wenn die Teilnahem privat oder vom Gastland bezahlt wird. Wer das Land jetzt verlasse, würde sofort aus dem Sportbund ausgeschlossen. Auf die Frage, was denn die Begründung sei, hieß es nur „Der Minister ist euch gegenüber nicht rechenschaftspflichtig“.

Heute aber möchten wir auf das Schicksal eines ganz besonderen Menschen blicken: Stepan Latypov. Über ihn haben wir hier schon mehrfach berichtet: Der einzige „Arborist“, also professioneller Baumpfleger, in ganz Belarus wurde bekannt, nachdem er das berühmte Wandgemälde auf dem „Platz des Wandels“ in Minsk beschützen wollte vor den Zerstörungsaktionen der Sicherheitskräfte. Als diese am 15. September wieder einmal im Hof auftauchten, um weiß-rote Bänder abzuschneiden, sprach er sie an - und wurde sofort verhaftet. Dann brachen sie in seine Wohnung ein, nahmen Computer,Handy, Geldkarten und Autoschlüssel mit. Seit diesem Tag saß Stepan in Untersuchungshaft und ist einer von heute 637 politischen Gefangenen.

Ihm wurde unter anderem vorgeworfen, Widerstand gegen die Polizei geleistet zu haben. Außerdem habe er die Kunden seines Baumpflegeunternehmens bei der Erbringung von Dienstleistungen im Bereich des chemischen Pflanzenschutzes in die Irre geführt. Nichts davon konnte vor Gericht bewiesen werden, Stepan bestritt alle Vorwürfe, die Verteidigung plädierte auf Freispruch.

Am 1. Juni versuchte er, sich im Gerichtssaal das Leben zu nehmen, weil er in den Wochen zuvor massiv unter Druck gesetzt worden war - man hatte gedroht, seine Familienangehörigen ins Gefängnis zu bringen, wenn er seine Schuld nicht gesteht. Nach einem kurzen Aufenthalt im Krankenhaus und in der Nervenklinik kam er wieder zurück ins Gefängnis. Bei einem der Gerichtstermine erlitt er einen Nervenzusammenbruch, als Mitschnitte abgehörter privater Telefonate im Gericht vorgespielt wurden.

Dennoch wurde Stepan am Montag zu 8,5 Jahren Straflager verurteilt. Ich möchte an dieser Stelle sein erschütterndes Schlusswort vorlesen. Die Rede wurde vermutlich heimlich aufgezeichnet und später transkribiert. Den ersten Teil seiner Rede über seine Urgroßeltern sprach Stepan in einer exzellenten, poetisch gefärbten belarusischen Sprache.

"Mein Name ist Stepan Latypov. Diese Kombination aus einem slawischen Namen und einem tatarischen Nachnamen ist eine sehr symbolische Darstellung meiner Herkunft. Latypov kommt vom arabischen Wort "latif" - seine Bedeutung ist sehr schwer ins Russische zu übersetzen, man könnte es umschreiben wie gutmütig, friedlich, ruhig, freundlich, sanft. Bemerkenswert ist, dass alle diese Bedeutungen mit nur einem belarusischen Wort wiedergegeben werden können: lahodnyj, was auf Russisch wiederum gutmütig, ruhig, folgsam, sanft bedeutet. Offensichtlich zeichneten sich meine männlichen Vorfahren durch solche Qualitäten aus.

Während der langen Verhöre bei der Polizei nannten mich maskierte Personen immer wieder herablassend „Stepanida“ (ein Frauenname) und betonten auf diese ekelhafte Art und Weise mein wenig beneidenswertes Schicksal hinter Gittern. Was sie aber nicht wussten, ist, dass mein Vorname für mich ein Symbol von Stärke, unbezwingbaren Willen und Liebe ist.“ [Im griechischen bedeutet der Name unter anderem „Krone“]  

Stepan begann seine lange Rede in einem außergewöhnlichen Belarusisch mit der Erzählung seiner Familiengeschichte und wie sein Urgroßvater den Repressionen im Jahre 1937 zum Opfer fiel.

„Mein Urgroßvater, Joseph Poljakow, erlebte die Oktoberrevolution von 1917 auf einem kleinen Bauernhof am Rande von Gul, einem von Griechen gegründeten Hof, über dem im Laufe eines Jahrhunderts die Flaggen Russlands, der Ukraine, Poltawas und Transnistriens wehten. Die Familie hauste in einer verlassenen Hütte. Der einzige Reichtum von Joseph waren seine sechs Kinder, eine Bibel und seine Frau - sie war eine wahre Schönheit. Nachdem er überraschenderweise per Dekret von Lenin ein Stück unfruchtbaren Landes zugeteilt bekommen hatte, bettelte Josef zwei Jahre lang reiche Händler der Stadt an, die Toiletten der Stadt leeren zu dürfen, [um Dung für die Felder zu bekommen]. Er musste nicht nur den unglaublichen Gestank, sondern auch den Spott seiner Nachbarn ertragen.

Aber schon die erste Ernte deckte alle Kosten, so einen Hafer wie den von Joseph hat man weder vorher noch nachher je gesehen. Bald darauf, im Jahr 1921, wurden unter dem Kürzel „NEP“ (Neue Wirtschaftspolitik) Wirtschaftsreformen verkündet. Es wurde möglich, Geld in Produktionsmittel, Pferde, Ausrüstung und Weinanleihen zu investieren. Die harte Arbeit der ganzen Familie, vom Jüngsten bis zum Ältesten, zahlte sich schließlich aus, abgesehen von blutigen Blasen an den Händen. Es gab jetzt nach und nach Unterwäsche, leckeres Essen, eine Singer-Nähmaschine, eine Kuh und, der besondere Stolz von Joseph, eine ansehnliche schwarz lackierte Kutsche mit zwei gepflegten, flotten Pferden. Mit dieser Kutsche war Joseph jeden Sonntag mit seiner Frau unterwegs zum Einkaufen. Würdevoll und entspannt fuhr er mit seiner Kutsche und berührte nicht einmal die Zügel, um die Minuten zu verlängern, in denen er die freie Luft der Steppe atmen, und die unvergleichliche malerische Landschaft des Dnjestr, dessen graue Wellen zwischen den Kreidewänden der Ufer und die Teppiche aus blühenden Hagebutten und Hornsträuchern betrachten konnte. Er empfand ein süßes Gefühl von Würde und Stolz, da er den Traum eines einfachen Bauern verwirklichte und mit seinem größten Schatz zusammen lebte, seiner geliebten Hälfte, der Mutter seiner Kinder, der schönsten, fleißigsten, würdevollsten Frau, der Göttin der köstlichsten Gerichte - seiner Frau.

Doch das Glück währte nicht lange. Erst wurde die NEP gestoppt, dann wurde die Kollektivierung angekündigt, und Joseph und seine Söhne brachten ihr hart verdientes Geld unter der sengenden Sonne des Südens in die Kolchose und bearbeiteten ihr einst eigenes Land gegen Zinsen. Der Urgroßvater beklagte sich nicht: Pflügen, Mähen, Dreschen. So wie es sich für einen verantwortungsvollen Bauern gehört. Er seufzte nur schwer, wenn der halb betrunkene Vorsitzende der Kolchose mit seiner Liebhaberin, der Buchhalterin, zu ihm auf den Hof kam. Sie kamen, um Buch zu führen über seine Leistungen: mit der einst schwarz lackierten und jetzt völlig heruntergekommenen Kutsche von Joseph, gezogen von zwei ungepflegten, erschöpften Pferden.

Aber es kam noch schlimmer. 1937 wurde der Urgroßvater ins Gefängnis geworfen und zum Volksfeind erklärt, weil er während des Bürgerkriegs auf direkten Befehl des roten Kommandanten Grigorij Kotowskij, der kurz zuvor vom „Vater aller Nationen“ [Stalin] persönlich zum Volksfeind erklärt worden war, die Verwundeten in seinem eigenen Zugwagen mit seinen eigenen Pferden transportiert hatte. Das Verfahren war kurz, das Urteil hart. Er wurde zu 10 Jahren ohne Recht auf Korrespondenz verurteilt. Bis 1947 wurden ihm Lebensmittelpakete und warme Kleidung zugeschickt. Sowohl während der großen Hungersnot als auch während des Krieges und in der bitteren Nachkriegszeit. Seine Frau packte all diese Pakete von 20 Kilo alle sechs Monate, beschränkte sich selbst klaglos aufs Nötigste, bewirtschaftete den Hof allein am Tag und erledigte nächtens von den Nachbarn bestellte Näharbeiten auf der wundersam erhaltenen „Singer"-Nähmaschine, oft bis in die Morgendämmerung hinein.

Im Jahr 1948 wurde klar, dass Joseph nicht mehr da war. Im Jahr 1953 wurde der Fall erneut geprüft, der Urgroßvater wurde rehabilitiert, aber es stellte sich heraus, dass er schon 1938 beerdigt worden war. Er war an Tuberkulose erkrankt und starb in Kolyma. Er hat nie auch nur eines der Pakete erhalten. Die Uroßmutter hatte bei der Taufe den Namen Stepanida bekommen, aber ihr Mann nannte sie zärtlich immer nur Stescha. Sie starb 1962, ohne jemals lesen gelernt zu haben. Sie sagte: “Wozu brauchte ich das? Das Gebetbuch kannte ich auswendig, mit dem Geliebten war der Briefwechsel verboten.“

Oft scheint es, dass die Geschichte von einem wundervollen, reichhaltigen, gerechten und freiheitlichen Leben in der Sowjetunion von den Kindern und Enkeln jener Ermittler, Untersuchungsrichter, Aufseher, Begleitsoldaten und Wächter in den Straflagern von einst erzählt wird. Denen brachten meine Eltern zum Abendbrot oder zu den Festtagen sorgfältig mit Maismehl bestäubte Ringe der im Ofen getrockneten Wurst, Stücke von Schinken, getrocknete Aprikosen mit Honiggeschmack, bunte Bohnen aus dem Süden und ein kleines Säckchen, nicht größer als eine Frauenhandfläche, im Kreuzstich bestickt und prall gefüllt mit dem wahren Reichtum jener Zeit- mit weißem Zucker. Kaum jemand aber denkt dabei an die einsame Frau mit den Zügen vergangener Schönheit auf dem müden Gesicht, die ihre Liebe, Zärtlichkeit und Hoffnung Schritt für Schritt in schweren Paketen auf den Schultern durch das Getümmel zur Post trug."

Den zweiten Teil seiner Rede sprach Stepan Latypov auf Russisch.

Über seine Verurteilung und die Liebe der anderen

„Ich möchte, dass Sie, Hohes Gericht, bei der Urteilsverkündung verstehen, dass das Urteil nicht gegen mich allein ergeht, sondern gegen viele Menschen, deren einzige Schuld darin besteht, dass sie mich lieben.“

Über seinen Großvater

"Mein Name ist Stepan Latypov. Ich wurde am 11. April 1980 geboren. In der 2. Entbindungsklinik in Chisinau (Moldavien) in der Moskovskaya Straße. Mein Vater hatte extra einen roten 412er Moskwitsch aufgetrieben, um mich und meine Mutter von der Entbindungsklinik abzuholen. So ein Romantiker. An diesem Tag feierte Anvar Latypov, Ehrenmitglied der tatarischen Diaspora in Belarus, Professor an der Landwirtschaftsakademie Horki, Wissenschaftler und Lehrer, die Geburt seines Enkels in der entfernten belarusischen Stadt Horki.

Ich wusste, dass mein Großvater mich sehr liebte, und seit meiner frühen Kindheit formte er in mir unauffällig ein ganzes Weltanschauungssystem, in das er seine ganze Kraft und Erfahrung steckte. Im Alter von 8 Jahren benannte ich die Unkräuter auf der Datscha auf Lateinisch und hatte das Wissen eines Erstsemesterstudenten der Geografischen Fakultät über Botanik und Pflanzenphysiologie.

Mein Großvater vermittelte kein Wissen, sondern ein System, zeigte mir, wie man sich Wissen aneignet, einschließlich der Fähigkeit, Dinge zu sehen, sich etwas zu merken, Nachschlagewerke zu benutzen, mit Fachleuten auf seinem Gebiet in Kontakt zu bleiben und bereit zu sein, sein Wissen mit ihnen zu teilen. Heute weiß ich, dass ich das Potenzial, das er im Sinn hatte, nicht einmal zu einem Hundertstel ausgeschöpft habe. Ich war nicht der einzige Schüler von Anvar Latypov.

Bei der Analyse meiner Telefonabhörung hat der Oberste Gerichtshof meine sexuellen Vorlieben, die Größe meines Geschlechtsorgans und das Geheimnis des Libidoverlustes eingehend untersucht. Das Fazit lautete: "Kein Verstand, keine Kraft".

75 Doppelzentner pro Hektar war der durchschnittliche Ertrag von Weizen in 10 Jahren. In einem Erntejahr waren es 62 Prozent und der Ertrag betrug 111 Zentner. Das ist nicht das Maximum, das ist der Durchschnitt. Die Höchstgrenze liegt bei 160 Zentnern pro Hektar.“

Richter Alexander Volk bittet an dieser Stelle, beim Thema zu bleiben.

„Ein deutscher Wissenschaftler behauptet, dass das genetische Potenzial von Weizen 250 Doppelzentner beträgt. Dieser Wissenschaftler ist ein Schüler meines Großvaters. Er lebte in Minsk in der Nähe der Kiewer Promenade. Wir könnten heute mit ihm Nachbarn sein, aber er liebt seine Kinder sehr und will eine bessere Zukunft für sie. Zu seiner Vorstellung von einer glücklichen Vaterschaft gehört nicht, dass sein Sohn und seine Tochter mit Pfefferspray beschossen werden, nur weil sie ihre Meinung frei äußern.

Unabhängig davon, welche höheren Motive die Männer mit Schlagstöcken und Sprühdosen haben. Ich möchte, dass sich der Oberste Gerichtshof darüber im Klaren ist, wie viele kluge Menschen, die Computer-Spiele, Autosoftware, neue Weizensorten und Maschinen entwickeln oder Methoden zur Heilung von Krebs erforschen - wie viele kluge und liebevolle Menschen auf die Verkündung meines Urteils warten, um eine eigene Entscheidung zu treffen: in Belarus zu bleiben oder all ihre Energie, ihr Wissen und ihre Talente einzusetzen, um einem anderen Land zum Wohlstand zu verhelfen.“

Über sein Haus

„Mein Name ist Stepan Latypov. Ich wohne in einem Haus in Minsk im Smorgonsky Trakt. Für mich ist dies der beste Ort der Welt. Dies ist meine Heimat. Dies ist mein Ort, wo ich Kraft tanke. Das ist mein wahr gewordener Traum. Es ist ein Traum von einem Haus, in dem man wohnen, sich mit seinen Nachbarn treffen und ohne Ankündigung mit ihnen zu Abend essen kann, nur weil man Hunger hat und keine Zeit zum Kochen hatte.

Wo alle Konflikte gemeinsam, friedlich und ohne Aggression gelöst werden. Ich war glücklich, an diesem Ort zu leben. Ich war erfüllt von Glück und Freude, und das hat mich gestärkt und zeitweise sogar eine Art Euphorie ausgelöst. Doch das Glück währte nicht lange.

Über seine Inhaftierung und die Schläge

„Am 15. September 2020 brachten mich maskierte Personen in einen Kleinbus. Sie fesselten mir die Hände auf dem Rücken, stülpten mir einen Müllsack über den Kopf und brachten mich in den „Park der Völkerfreundschaft“. Auf dem Weg dorthin musste ich zweimal den Gefangenentransporter wechseln.

Aber es ist mein Viertel und ich kenne dort jede Ecke. Dann schlugen sie mich zusammen, drehten das Radio auf volle Lautstärke und begannen mich zu verprügeln. Ich habe noch nie in meinem Leben so viel Angst gehabt. Maskierte Menschen schlugen mich mit Händen, Füßen und Schlagstöcken. Alle von ihnen, einer nach dem anderen. Sie verdrehten mir die Arme, drehten mir die Beine auf den Rücken, würgten mich, schlugen mir mit ihren Fäusten und Händen auf die Ohren, so dass es sich anfühlte, als explodierte in meinem Kopf eine Granate. Sie schlugen mir mit einem Knüppel auf das Gesäß, aber so, dass keine blauen Flecken blieben.

Ich konnte mich 3 Wochen lang nicht aufsetzen. Ich habe vor Kurzem den Begriff "intermuskuläres Hämatom" gehört, vielleicht war es das. Ich lag schreiend und keuchend in einem schwarzen Sack, und sie lachten. „Jetzt lernen wir das Alphabet", sagten sie. „Jetzt fragen wir nach dem Buchstaben "Aaah" und fangen dann an, "B" zu lernen“. Sie sagten: "Schrei nicht, deine Tichanowskaja wird es nicht hören." Aber ich habe weiter geschrien. Ich schrie und dachte: Es ist sehr gut, dass sie mich geschnappt haben, denn nicht einer meiner Nachbarn könnte das aushalten.

Wenn es am meisten weh tat, erinnerte ich mich an die Worte meiner Mutter, die mich lehrte, zu mir selbst zu sagen: "Ich bin ein kleiner Igel, es tut gar nicht weh". Und das hat mir einen Moment lang geholfen. Aber meine Folterknechte waren sehr erfahren, sie riefen mich immer wieder bei meinem Namen, und es wollte mir nicht gelingen abzuschalten.“

Über den Druck

„Dann gab es eine Durchsuchung und Verhöre vor dem Untersuchungsausschuss. Wären nicht so viele meiner Nachbarn involviert gewesen, hätte ich alle Anschuldigungen der maskierten Männer akzeptiert: Aufruhr, chemischer Angriff, alles Mögliche. Ich habe keinen einzigen blauen Fleck, nicht einmal die Plastikfesseln haben eine Spur hinterlassen, es wäre nur das Gerücht des Schreckens geblieben.

Und ich begann, Angst zu haben. Ich hatte große Angst, dass die maskierten Männer alles Mögliche tun könnten, alles was ihnen in den Sinn kam. Es bedurfte nicht einmal eines Grundes, vielleicht nur zum Spaß, und niemand würde sie aufhalten.“

Über die Haftbedingungen

„In der Zeitung habe ich gelesen, dass ich 51 Tage lang in einer Strafzelle im Untersuchungsgefängnis festgehalten wurde, aber das stimmt nicht. Ich habe 51 Tage in Einzelhaft verbracht. Bei jeder morgendlichen und abendlichen Inspektion fragte ich, warum ich unter solchen Bedingungen festgehalten werde, aber sie wendeten ihren Blick ab und sagten: "Rein menschlich gesehen haben wir Mitgefühl, aber wir können nichts tun.“ Sie baten mich, durchzuhalten.

Ich entschuldige mich hier und jetzt bei den Gefängnis-Mitarbeitern, weil ich weiß, dass sie Ärger bekommen werden, wenn ich das jetzt sage. Die Leute in den Masken werden sich eh wieder verstecken. Ich erinnere mich an alle, die bei der Polizei ausgesagt haben, und fühle mit ihnen.“

Über die Angst um die Angehörigen

„Das Grauen, das ich erlebt habe, rechtfertigt vieles. Denn wenn die Angst um sich selbst aufhört, beginnt die Angst um die Menschen, die man liebt. Ein Mann mit Maske besuchte mich nach der Operation [nach dem Suizidversuch]. Es kam mir vor, als hätte er stundenlang geredet - es waren ausschließlich Drohungen und Beleidigungen. Ich weiß, dass ich nichts dagegen tun kann, und ich kann mich auch nicht völlig von der Angst befreien, aber ich kann zumindest versuchen, keine Angst zu haben.“

Über den Selbstmordversuch vor Gericht

„Ich möchte, dass Sie, Hohes Gericht, bei der Urteilsverkündung eine Vorstellung von den Methoden haben, mit denen Beweise gesammelt und Geständnisse erzwungen werden. Mein Name ist Stepan Latypov. Am 1. Juni 2021 habe ich mir im Gerichtssaal des sowjetischen Bezirks mit einem Kugelschreiber in die Kehle geschnitten. Diese Tatsache wird von Dutzenden von Zeugen bestätigt. Einige von ihnen sind meine Freunde und Verwandten, andere Mitarbeiter des Innenministeriums, der Staatsanwaltschaft und des Gerichts.

In staatlichen und nichtstaatlichen Fernsehsendern wurde darüber berichtet. Es gibt mindestens drei offizielle Dokumente zu diesem Thema mit meiner handschriftlichen Unterschrift. Es gibt eine Videoaufnahme, auf der ich alles im Detail erzähle, und sogar eine Audio-Aufnahme in der Zelle, auf der ich selbst meinem Freund kichernd und laut fluchend diese Geschichte erzähle. Das alles ist eine Ansammlung unwiderlegbarer Beweise.

Man kann sich nicht mit einer Kugelschreiberscherbe den Hals durchschneiden. Man kann damit nicht einmal eine Zitrone schneiden, das ist für jeden offensichtlich. Aber die Anklage brauchte dringend den Beleg einer spontanen emotionalen Handlung. Nach der Anästhesie war ich sehr müde. In meiner dritten schlaflosen Nacht war ich bereit, alles zu tun.

Gleich nach dem [ersten?] Verhör begann ich mit den Vorbereitungen für den Selbstmord. Für jedes Verhör, für jedes Treffen mit dem Anwalt nahm ich ein kleines Stück Folie mit, wobei ich Form und Größe so wählte, dass sie vom Konvoi nicht entdeckt werden konnten. Ein rückfälliger Mörder erklärte mir für eine Tüte Kaffee ausführlich einige Tricks, und ein professioneller Taschendieb zeigte mir, wie man eine Klinge versteckt.

Später wurde mir geraten, ein Stück Gips um das Metall zu wickeln, damit es nicht auf meine Finger rutscht. Ich habe das Pflaster einfach auf eine Dokumentenmappe geklebt und mit einem Stift beschriftet. Dann habe ich es an meine Jacke geklebt, was niemand gemerkt hat. Niemandem war es peinlich, dass ich die gesamte erste Hälfte der Sitzung mit einem Würgreflex verbrachte, der notwendig war, um die Sitzung in Würde verlassen zu können, ohne vor Schmerzen aufzustöhnen.

Es war schmerzhaft. Wahnsinnig schmerzhaft und beängstigend. Ziel war es, mindestens eine der Halsschlagadern zu durchtrennen. Die linke Seite konnte ich nicht durchschneiden, aber auf der rechten Seite gelang es mir dank der Neigung nach links... Dann spürte ich die Wärme auf meinen Fingern. Es gelang mir sogar, eine Arterie zu erwischen, aber vor lauter Aufregung zog ich weiter seitwärts, anstatt tiefer in die Luftröhre zu gehen...

Dann zerrte der Wachmann an meinem Bein, ich schlug mit dem Kopf auf und fiel hin. Es war schmerzhaft, beängstigend und sehr peinlich. Ich schäme mich sehr, denn der Versuch war erfolglos. Und dass es viele Möglichkeiten gibt, meine Angehörigen und Nachbarn zu schützen, die ich in diesem Moment nicht gesehen habe.“

Über den Richter

„Man würde gern glauben, dass sich das Oberste Gericht bei der Urteilsfindung von Logik, gesundem Menschenverstand, Lebenserfahrung und Kenntnis des Lehrplans leiten lässt. Ich verstehe dabei, dass die Ermittlungen manchmal nicht ganz der Wahrheit entsprechen...

Ich weiß nicht, was als nächstes passieren wird. Ich weiß nicht, wie hoch die Strafe sein wird, wie lange ich tatsächlich sitzen werde. Wie die Praxis zeigt, liegt all das nicht in der Hand des Richters und nicht in meiner, und auch nicht in der Hand von irgendjemandem von uns. Aber ich möchte eines sagen: Wie immer ich bin - ich bin, wer ich bin, und ich liebe euch alle sehr. Und ich kann nicht anders. Ich werde euch beschützen, so gut ich kann... Ich glaube, das ist meine Pflicht. Und ich glaube, es gibt keinen anderen Weg.

Euer Ehren, ich spreche viel über alles und jeden, aber nicht über mich und meine Erwartungen an mich selbst. Mir ist es nicht so wichtig, was Sie sagen, sondern wie es Sie sagen. Ich bin sehr daran interessiert, Sie nicht als Richter zu sehen, sondern als Mensch, als Bürger, als Fachmann. Es wird mir helfen, Sie nicht zu hassen und Sie mit Verständnis zu behandeln, als einen Menschen, der sich vielleicht in einer schwierigen Situation befindet.

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