Andacht für Belarus vom 28.10.2021 in der Gethsemanekirche Berlin

von Ina Rumiantseva, Verein Razam e.V.

Am heutigen Tag gelten 833 Menschen in Belarus als politische Gefangene. Würden wir sie alle ein Jahr lang jede Woche nacheinander vorstellen (und würden es entgegen aller Erfahrung nicht mehr werden), wären das Woche für Woche 16 Menschen. Meist jedoch müssen wir über die aktuellen Entwicklungen sprechen, die sich nun seit über einem Jahr förmlich zu überschlagen scheinen.

Heute jedoch soll es ausschließlich um die unschuldig Inhaftierten gehen. Wir wollen die erschütternde Geschichte von Artiom Bojarskij hören, einem jungen Chemiestudenten aus Grodno im Westen von Belarus. Artiom ist 20 Jahre alt, er hat einen 5 Jahre jüngeren Bruder und ist in einer Akademikerfamilie aufgewachsen: schon der Großvater hatte in Moskau Chemie an der Militärakademie studiert, die Großmutter arbeitete am Institut für Stickstoffindustrie in Grodno, die Mutter ist mathematisch-technische Softwareentwicklerin.

Schaut man sich Fotos von Artiom an, fällt einem zuerst der warme, freundliche Blick des jungen Mannes auf. Seine Mutter berichtet, dass er schon in der Grundschule seinen Altersgenossen weit voraus war, das Lernen fiel ihm nie schwer, ab der 2. Klasse nahm er Klavierunterricht.

Als in der 7. Klasse ein neuer Lehrer den Chemieunterricht übernahm, hatte Artiom sein Lieblingsfach gefunden. Ab der 8. Klasse nahm er regelmäßig an Chemieolympiaden teil und belegte immer einen der vordersten Plätze. Er entschied sich für ein Studium der Pharmazeutischen Chemie an der Belarusischen Staatsuniversität in Minsk.

Sein großer Traum war es, Medikamente zu entwickeln, die der Menschheit helfen würden. Artiom wurde ohne die verpflichtende Eignungsprüfung und auf persönliche Einladung der Hochschule aufgenommen. Er erhielt ein Stipendium aus der Studienstiftung des Präsidenten.

Der Weg eines herausragenden Chemikers schien vorgezeichnet – bis zum August 2020. Angesichts der Gewalt gegen friedliche Demonstranten konnte der damals 19-jährige nicht einfach mehr nur zusehen. Er verzichtete auf das Stipendium des Präsidenten, unterschrieb einen Aufruf für ein Ende der Gewalt und freie Wahlen und schloss sich den Protestierenden an.

Das erste Mal wurde er am 16. November 2020 nach einem Protestmarsch der Rentnerinnen und Rentner festgenommen: zu dieser Zeit protestierten an verschiedenen Tagen unterschiedliche soziale Gruppen, und der Montag war „traditionell“ der Tag der Älteren Generation.

An diesem 16. November dauerte der Protest schon genau 100 Tage. Roman Bondarenko war vier Tage zuvor seinen schweren Verletzungen erlegen, nachdem ihn Sicherheitskräfte brutal zusammengeschlagen hatten. UN des war erst einen Tag her, dass die beiden Belsat-Journalistinnen Daria Tschultsowa und Katerina Bachwalowa festgenommen worden waren, als sie eine Gedenkveranstaltung für Roman live übertrugen. Über 1.200 Menschen wurden festgenommen, dennoch kamen am nächsten Tag wieder mehr als 1.000 Menschen zusammen, um an Stelle derer weiter zu protestieren, die nun in Haft saßen. Unter ihnen also auch Artiom.

Er war schon fast zurück im Studentenwohnheim, als er plötzlich von maskierten Sicherheitskräften angegriffen, zusammengeschlagen und in einen dunklen Kleinbus, einen sogenannten Avtozak, gezerrt wurde. Man entriss ihm sein Handy, zwang ihn, den Code zu verraten. Danach kam er – wie Zehntausende andere - für 15 Tage in Haft. Nach seiner Entlassung hatte er lange Zeit panische Angst vor dunklen Kleinbussen, die in der Nähe vorbeifuhren, wie seine Mutter berichtet.

Doch er nahm sein Studium wieder auf, die Familie hoffte, nun in Ruhe gelassen zu werden. Doch es kam anders: Im Februar wurde er vor einen Untersuchungsausschuss geladen, sein konfisziertes Handy bekam Artiom jedoch nicht zurück. Das sollte wohl als Beweisstück gesichert werden – denn wenig später wurde er wieder verhaftet.

Es war der Morgen des 24. März 2021. Sicherheitskräfte stürmten Artioms Zimmer im Wohnheim, zwangen die Mitbewohner, sich auf den Boden zu legen – es waren Szenen wie bei der Festnahme eines Schwerverbrechers. Anlass war angeblich eine weiß-rot-weiße Flagge im Fenster – die es dort jedoch gar nicht gab.

Artiom wurde mitgenommen. Was dann mit ihm dann geschah, mögen sich die Eltern nicht ausmalen. Einen Tag später wurde auf einem Telegram-Kanal eines bekannten Moderators des Staatsfernsehens ein Video veröffentlicht, in dem Artiom angeblich „gesteht“, Betreiber eines oppositionellen Telegramkanals zu sein. Er „gestehe alles und bereue es“, sagt er sichtlich eingeschüchtert und blass. Unter dem Video – eine deutliche Drohung des Fernsehmoderators: „Grüße an alle, die Nachrichten dieses Kanals geteilt haben. Ihr dürft auf Gäste warten. Wir kennen jeden Namen.“

Für die Familie waren die erneute Festnahme und das Video ein Schock: nur unter Tränen konnte sich die Mutter das Video ansehen. Sie war sich sicher, dass es unter Drohungen und massivem psychischen Druck entstanden ist. Dann der nächste Schock: Am 16. April, zwei Tage vor der erwarteten Entlassung Artioms, teilt die Ermittlerin den Eltern mit, dass gegen Artiom strafrechtliche – und nicht wie damals oft noch üblich administrative – Anklage erhoben wird, und zwar nach Art. 361-1 – Bildung einer extremistischen Vereinigung. Darauf stehen bis zu vier Jahre Haft.

Bei der offiziellen Anklageverkündung am 26. April (im Übrigen war das der 35. Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl) lautete die Begründung: Artiom sei von August 2020 bis März 2021 Moderator eines Telegram-Kanals gewesen, der als extremistisch eingestuft wurde. Die Familie ist von dieser Nachricht zutiefst erschüttert. Der Vater verliert in einer Woche fünf Kilo Gewicht, die Mutter drei Kilo. Kurz darauf bestätigen mehrere Menschenrechtsorganisationen, dass Artiom geprügelt und gedemütigt wurde, um ihn zur Aufnahme des Videos mit seinem Geständnis zu zwingen.

Im September 20221, nach 6 Monaten, darf die Familie das erste Mal zu Artiom ins Gefängnis. Die Mutter beschreibt, wie schwer dieses Treffen war: „Meinem Sohn standen die Tränen in den Augen, und ich konnte sehen, wie sehr er sich bemühte, sie zurückzuhalten, damit kein einziger Tropfen fallen würde. Und ich als Mutter muss ihn hinter Gittern sehen und kann rein gar nichts tun, damit mein Kind wieder freikommt.“

Zweimal konnte die Mutter ihren Sohn bisher sehen. Bei den Treffen lässt Artiom sich von Fortschritten im Kampf gegen das Coronavirus und dem diesjährigen Nobelpreis für Chemie berichten. Er liest in Haft die Zeitschrift „Wissenschaft und Leben“ - wissenschaftliche Fachzeitschriften sind jetzt seine einzige Wissensquelle. Beim zweiten Besuch brachte die Mutter Zeichnungen des 15-jährigen Bruders Sascha mit – früher habe er nie gezeichnet, erzählt sie. Die Zeichnungen habe sie Artiom durch die Gitterstäbe gezeigt.

In seinen Briefen sei Artiom jedoch immer noch der alte, so die Mutter: Er findet die innere Kraft, durchzuhalten und sich nicht entmutigen zu lassen, hat seinen Sinn für Humor und seinen Wissensdurst nicht verloren. Doch an Artioms Stimme, Körperhaltung, Augenausdruck und Blässe erkennen die Eltern deutlich die Spuren der letzten Monate, die Spuren der Demütigungen und Folterungen, die Spuren der unsäglichen Haftbedingungen.

Die Mutter berichtet: „Während der siebenmonatigen Untersuchungshaft war Artiom dreimal schwer erkältet, zweimal entwickelte sich ein Augengeschwür. Artiom hat Herzprobleme. Wir übergeben ihm deshalb Vitamine ins Gefängnis. Aber unser Kind hält durch, es lässt sich nicht entmutigen und glaubt weiter an das Gute. Alles in allem besteht unser Leben jetzt aus Briefen, Päckchen, Gebeten und Glauben.“

Quellen:

https://news.zerkalo.io/life/4470.html

https://prisoners.spring96.org/en/person/arciom-bajarski

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