Friedensgebet für Belarus in der Nikolaikirche Leipzig am 9.10.2021

"Hier und heute, an diesem historischen Ort und diesem historischen Tag über Belarus zu sprechen, ist eine große Ehre und eine große Verantwortung.
 
Seit über einem Jahr bereits sind wir - Menschen, die aus Belarus stammen, oder, wie ich, enge Beziehungen in dieses Land haben - unermüdlich unterwegs, um über dieses Land zu berichten, das bis zur - inzwischen historischen - Wahl in Belarus am 9. August 2020 für viele ein weißer Fleck auf der Landkarte war.
 
An eben jenem Tag entstand auch in Deutschland etwas neues: zum ersten Mal gründeten die in Deutschland lebenden Belarusinnen und Belarusen ihre eigene Interessenvertretung, die Belarusische Gemeinschaft RAZAM. RAZAM ist belarusisch und bedeutet „gemeinsam“ - denn das war das Gefühl, dass die Menschen in Belarus entfacht hatten und das bis in alle Ecken dieser Welt trug. Es entstand eine neue, globale Diaspora, geeint in dem Wunsch, eine bessere Zukunft für Belarus zu ermöglichen.
 
Gemeinsam haben wir demonstriert, Petitionen gestartet, Interviews gegeben, Konzerte und Ausstellungen organisiert, Spendenaktionen für Opfer der Gewalt, Geflüchtete und politische Gefangene ins Leben gerufen. Es entstanden neue Netzwerke, auch in die deutsche Gesellschaft hinein.
 
So kamen wir über Eva Quistorp, Mitbegründerin der Grünen und ehemalige Abgeordnete im Europaparlament in Kontakt mit der Andachtsgruppe der Berliner Gethsemanekirche, die eine ähnliche Rolle in Berlin spielte, wie die Nikolaikirche in Leipzig.
 
Die besagte Andachtsgruppe trifft sich seit über 4 Jahren zum täglichen politischen Gebet für zu Unrecht Inhaftierte - seit der politisch motivierten Inhaftierung ihres Gemeindeglieds Peter Steutdner in der Türkei im Sommer 2017.
 
Seit August 2020 nun berichten wir in der Gethsemanekirche Woche für Woche über die umstürzenden Ereignisse in Belarus, über das Schicksal der Gefangenen, die unfassbare Gewalt und den Mut derer, die sich nicht abfinden wollen damit, dass eine kleine Clique von Ewiggestrigen über die Zukunft ihres Landes bestimmen darf.
 
Was aber treibt uns an, hier in Deutschland, so weit weg und inzwischen auch für viele ohne die Möglichkeit in die alte Heimat zurückzukehren?
 
Im Sommer und Herbst 2020 überwog sicher das Gefühl der Hoffnung, als Hunderttausende im ganzen Land die Straßen in ein friedliches Meer in den Nationalfarben weiß- rot-weiß verwandelten. Diese Welle der Solidarität und des Protests überraschte viele; diese Entschlossenheit nach 26 Jahren unter der Herrschaft eines Mannes, der Gefallen daran fand, der „letzte Diktator Europas“ genannt zu werden.
 
Dabei deutete sich all das schon viele Monate zuvor an, wie ich gestern im Gespräch mit belarusischen Journalistinnen erfahren habe:
 
Als bei der Umbettung des Nationalhelden Kastus Kalinouski im November 2019 unerwartet über 30.000 Menschen zusammenkamen.
 
Als sich kurz darauf eine ganze Region aufmachte, um einen verschwundenen Jungen zu suchen.
 
Als die Gesellschaft sich zu Beginn der Corona-Pandemie spontan selbst organisierte, Geld für die Versorgung der Kranken sammelte, Masken nähte und das überlastete Krankenhauspersonal mit Essen versorgte - während das Regime nur Spott und Hohn übrig hatte und „Wodka, Sauna und Traktor fahren“ als Rezept gegen das neuartige Virus empfohlen wurde.
 
Und als schließlich im heißen Juni 2020 ein ganzes Stadtviertel in Minsk von der Wasserversorgung abgeschnitten war, die staatliche Hilfe auf sich warten ließ und dafür Menschen aus anderen Stadtvierteln Tausende Liter Wasser herbeischafften.
 
In einer zuvor atomisierten Gesellschaft entstanden
solidarische Gemeinschaften. Erstaunt erkannten sie auf den Kundgebungen von Svetlana Tikhanovskaya und später bei den Massendemonstrationen gegen die gefälschten Wahlergebnisse, wie viele sie waren - und das es nicht des einen starken Mannes bedurfte, um die Herausforderungen der Gesellschaft zu meistern.
 
Es entstand ein neues, positives Wir-Gefühl, es war plötzlich erhebend, sich „Belaruse“ oder „Belarusin“ zu nennen.
Angesichts der Friedfertigkeit der Proteste zogen viele seitdem den Vergleich zu 1989. So auch wir, knapp ein Jahr später, als Svetlana Tichanovskaja im Juni zu Besuch bei unserer Andacht in der Berliner Gethsemanekirche war. Dabei sehen wir auch eine andere Parallele, über die bisher nur wenig gesprochen wurde:
 
Denn damals, im Sommer und Herbst 1989, war noch nicht klar, welche Wendung die Geschichte nehmen würde. Ich selbst war 13, und ich erinnere mich noch heute gut an die Angst, die auch meine Eltern immer wieder beschlich, die in der Umweltbewegung und später im Neuen Forum aktiv waren. Diese Angst hatte einen Namen: Tianamen, der Platz des Himmlischen Friedens. Heute hätte diese Angst einen anderen Namen: Akrestina.
 
Akrestina – das ist der Name des Gefängnisses, der zum Symbol der blutigen Antwort des Regimes in Minsk auf die größte Demokratiebewegung in Europa seit 30 Jahren wurde.
 
Akrestina, das sind die Bilder von schwarz und blau geprügelten Gefangenen in den ersten Tagen nach der Wahl.
 
Akrestina - das ist die hässliche Fratze des Regimes, es ist der Name für den anderen Weg, den die Geschichte hier nahm, nicht so glücklich und scheinbar leicht, wie es uns scheint, wenn wir auf unsere eigene Geschichte blicken.
Und doch waren die Bilder aus Akrestina erst der Anfang.
 
In den letzten Monaten hat eine Welle von Repressionen jeglichen offenen Protest unmöglich gemacht: es begann mit Hetzjagden der Sicherheitskräfte bei den Demonstrationen und in den Höfen der besonders aufständischen Wohngebiete. Eines der Opfer dieser Hetzjagden war der zu Tode geprügelte Künstler Roman Bondarenko.
 
Irgendwann hörte ich zum ersten Mal von der „Bussophobie“, der Angst vor den dunklen Kleinbussen, den Avtozaks, in die die Menschen gezerrt und in die Gefängnisse gebracht werden.
 
Die Gründe für die Festnahmen scheinen unendlich und sind für die Menschen oft schwer zu verstehen: ein kritischer Kommentar auf Facebook, ein Kleidungsstück in den falschen Farben, eine Kinderzeichnung im Fenster, die als Protestplakat interpretiert wird, ein altes Foto, das man in den sozialen Medien geteilt hat oder das Gerücht eines mißliebigen Nachbarn. Manchmal ist man einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort.
 
Auf die Festnahmen folgen oft Monate in Untersuchungshaft, später dann absurde Prozesse, die an Kafka oder Orwell erinnern und jeglicher Beschreibung spotten.
 
Viele Menschen sind zutiefst traumatisiert, die Angst ist zum ständigen Begleiter geworden, das Exil oft der einzige Weg, um sich und seine Familie zu retten. Schätzungsweise 450.000 Menschen haben das Land bereits verlassen.
 
Von Anfang an waren unabhängige Journalist:innen im Visir des OMON, die Presse-Westen wurden vom Schutz zur Gefahr. Journalist:innen wurden gejagt, festgenommen und in absurden Prozessen zu langen Haftstrafen verurteilt. Medienportale, Zeitungen und Telegram-Kanäle wurden nach und nach für extremistisch erklärt und geschlossen. Die meisten unabhängigen Journalist:innen mussten das Land verlassen. Um noch aus dem Land zu berichten, müssen vor Ort verbliebene Reporter:innen große Risiken auf sich nehmen oder Redaktionen bitten Leser:innen, Informationen bereitzustellen.
 
Im April dieses Jahres hatte Außenminister Makej die Vernichtung der Zivilgesellschaft angekündigt - als Antwort auf die westlichen Sanktionen. Wenig später war klar, was damit gemeint war:
 
Bis heute wurden 275 NGOs geschlossen, darunter Sozialhilfeeinrichtungen, Umweltschutzinitiativen, Behindertenverbände, eine Hotline für Opfer häuslicher Gewalt, Beratungsstellen für sozial Benachteiligte, Programme für Menschen mit seltenen Erkrankungen und sogar ein Kinderhospiz.
 
Während der Feldzug gegen die Medien zeigte, dass das Regime die „Wahrheit zu Extremismus“ erklärt hatte, zeigt der Kampf gegen die zivilgesellschaftlichen Initiativen, dass jegliche Art der Nächstenliebe und des solidarischen Miteinanders in den Augen der Machthaber eine Gefahr darstellen.
 
Wie groß das Ausmaß der Repressionen ist, lässt sich nur schwer in Worte fassen, ich versuche es mit einer Zahl:
 
Am heutigen Tag gelten 801 Menschen als politische Gefangene anerkannt in Belarus. Wenn man das umrechnet auf die Bevölkerung, also die Zahl der Gefangenen pro 1 Mio. Einwohner, ergibt sich eine Gefangenen-Inizidenz von 85,2. Im autoritären Russland sind es 2,8.
 
801 Gefangene in Belarus, Männer, Frauen, Minderjährige, Eltern kleiner Kinder, Alte und Kranke. Und wir können davon ausgehen, dass es in Wahrheit Tausende sind. Die Bedingungen in den Gefängnissen können wir uns hier in Europa kaum vorstellen, sie sind auch hier in dem Medien oft beschrieben worden.
 
Wenn Sie die aber Bilder und Geschichten der inhaftierten Menschen sehen, werden Sie schnell verstehen, was für besondere Menschen dort inhaftiert sind: Wie die großartige Maria Kalesnikawa und ihr Anwalt Maxim Znak, wie die dunkelhäutige Aktivistin Alana Gebremariam, die schon vor 2020 in die Politik gegangen war für ein besseres und toleranteres Belarus und nun im Gefängnis sitzt - in der Annahme, die Welt hätte sie vergessen. Wie Ihar Losik, der Blogger, der den größten politischen Telegram-Kanal des Landes geschaffen hatte, um über die Probleme der Menschen zu berichten und der im Winter im Gefängnis über 40 Tage im Hungerstreik war.
 
Es ist die Zukunft von Belarus, die im Gefängnis sitzt.
 
Ich sagte vorhin, es sei die Hoffnung, die uns antreibt, weiterzumachen. Doch die Erfahrungen des letzten Jahres haben auch uns verändert. Eine belarusische Bloggerin beschrieb ihren inneren Zustand am ersten Jahrestag der Wahl so: „2020 - ich glaube. 2021 - ich glaube immer noch, aber es jetzt schmerzt es mehr“.
 
Und dennoch, oder gerade deshalb, machen wir weiter. Gerade auch, weil wir wissen, dass der Wandel in der Gesellschaft tief und unumkehrbar war.
 
Es gibt kein Zurück in das alte Belarus.
 
Umfragen aus dem Frühjahr zeigen, dass das Protestpotential kein bisschen geschrumpft ist. Eine Zukunft mit den derzeitigen Machthabern wird es nicht geben. Denn das bedeutet für sie: die Abwanderung der Besten und Klügsten, eine massive Abhängigkeit von Russland und der drohende Verlust der eigenen Autonomie, Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit und eine Ausweitung der Repressionen auf alle Teile der Gesellschaft.
 
Die Menschen in Belarus sagen uns immer wieder: „Helft uns, vergesst uns nicht. Wir können kaum noch etwas ausrichten und müssen auf die Solidarität der demokratischen Länder hoffen.“
 
Und hier komme ich noch einmal auf 1989 zurück. Denn die Solidarität der Freunde ist ebenfalls eine Erinnerung aus dieser Zeit, die wir nicht vergessen sollten, neben dem Ruf von „Keine Gewalt“. Denn maßgeblich zum friedlichen Wandel trug auch die Unterstützung aus dem Westen bei:
Wie die Medienberichte über die Probleme in der DDR und über die Proteste gegen Wahlfälschung, Misswirtschaft und Lügen.
 
Oder wie das Engagement einzelner Aktivist:innen aus der
Umwelt- und Frauenbewegung, die sich stark machten für Inhaftierte und von Verfolgung bedrohte Menschen in der DDR.
 
Deshalb ist es so unglaublich wichtig, dass in diesen Wochen auch und gerade in Leipzig so viel über Belarus diskutiert wird:
 
Im August bei der Vorführung des Dokumentarfilms „Courage“ hier auf dem Nikolaikirchhof, als wir im Beisein des Regisseurs Aliaksei Paluyan noch einmal eintauchten in die überwältigenden wie erschütternden Tage des Sommers 2020.
 
Seit Mittwoch läuft hier in Leipzig das politische Festival „revolutionale“, an der auch eine Gruppe belarusischer Aktivist:innen teilnehmen konnte.
 
Und gestern wurde der „Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien“ der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig an die beiden inhaftierten belarusischen Journalistinnen Katerina Bachwalowa und Daria Tschulzowa.
 
Bei der Preisverleihung war auch die belarusische Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Aleksiewitsch anwesend. Sie verwies, nicht ohne Bitterkeit, auf ein ganz neues Genre, das im letzten Jahr in Belarus entstanden sei: „das letzte Wort im Gericht“.
 
Auch, oder gerade weil die Angeklagten wissen, dass sie für Jahre in Haft sein werden, nutzen die Menschen ihre letzte Chance und ergreifen mutig vor Gericht das Wort.
 
So wie Palina Sharenda-Panasiuk, die “Jeanne d’Arc von Brest”, eine langjährige Aktivistin aus dem Westen des Landes. Ihre Rede am letzten Gerichtstag im Juni dieses Jahres wurde zu einer Abrechnung mit dem gesamten System. Sie weigerte sich beharrlich die Legitimität des Gerichts anzuerkennen und rief schließlich: “Der Stuhl, auf dem Sie sitzen, ist gerechter als Sie, Herr Richter!”
 
Ich möchte Ihnen heute sagen: lassen Sie sich anstecken vom Mut der Menschen in Belarus. Erinnern Sie sich an das, was die Menschen im Herbst 1989 auf die Straßen getrieben hat. Nutzen Sie all die Möglichkeiten, die uns ein glücklicheres, friedliches Schicksal hat zuteil werden lassen. Lassen Sie Ihr heutiges Engagement für Belarus hier in Leipzig bitte nur den Anfang sein!
 
Denn Belarus braucht Ihre Unterstützung - und es ist ganz gewiss auch für Europa eine erstrebenswerte Zukunft, wenn die Menschen in Belarus ihren friedlichen Weg zu Ende gehen können und uns eines Tages davon werden berichten können, wie es war, als sich die Tore der Gefängnisse öffneten und sich Tausende weinend und lachend vor Glück in die Arme fielen, wie lang die Schlangen waren, als Unterschriften für unabhängige Kandidaten zur Präsidentschaftswahl gesammelt wurden, wie leidenschaftlich der Wahlkampf um eine demokratische und selbstbestimmte Zukunft von Belarus geführt wurde, wie mit der Ernennung einer freigewählten Präsidentin oder eines frei gewählten Präsidenten die Würde nach Belarus zurückkehrte und Belarus selbst vom Paria-Staat zu einem gern gesehenen Partner auf der Weltbühne wurde.
 
Helfen Sie mit, diesen Traum wahr werden zu lassen".
 
Ina Rumiantseva, Verein Razam e.V.

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